Virtueller Besuch in England, heute: Calke Abbey

Es wird Zeit, dass wir unsere virtuelle Reise durch die englische „country house“ – Landschaft mal wieder in meine ehemalige Wahlheimat Derbyshire antreten.

Die Stadt Derby selbst schließt sich den Reizen seines counties größtenteils aus, deswegen geht es dieses Mal in den Süden der Grafschaft, fast eingeklemmt im südlichen Zipfel zwischen den Grenzen zu Staffordshire im Westen und Leicestershire im Osten.

Zwischen Ticknall, Melbourne und Ashby-de-la-Zouch liegt Calke Abbey.

Calke Abbey befindet sich seit 1985 in der Obhut des National Trust. Und erst 23 Jahre vorher wurde dieses Anwesen an das Elektrizitätsnetz angeschlossen! Das Haus ist ein kleines verstecktes Juwel, vor allem, weil dort die Zeit stehen geblieben scheint. Die Moderne gehörte nie hierher. Bei den allgegenwärtigen Abrissen von country houses in den Jahrzehnten nach 1945 ist es ein Wunder, dass Calke Abbey bis in die 1980er Jahre überlebt hatte.

Der National Trust übernahm den Besitz allerdings nicht, weil er architektonisch so besonders ist, im Gegenteil, ein Besucher kommentierte die damals neuen baulichen Veränderungen Anfang des 18. Jahrhunderts mit „The thing is done but nobody did it.“ (“Es ist passiert, aber keiner will es gewesen sein.”)

Der Grundriss des ersten Obergeschosses (Aufnahme aus dem Guidebook, National Trust)

Blicken wir trotzdem kurz auf die Baugeschichte. Es wird vermutet, dass sich an der Stelle früher ein klösterliches Anwesen befand, welche angeblich gerne in Senken mitten im Nirgendwo errichtet wurden. Die ersten baulichen Spuren im Haus gehen allerdings erst auf das elisabethanische Zeitalter (überwiegend 16. Jahrhundert) zurück. Im Innenhof, um den Calke Abbey errichtet wurde, finden sich Spuren aus dieser Zeit; seine ungleichmäßige Form wird diesen Umständen zugeschrieben.

Die englisch-barocke Südseite des Hauses wurde 1701-04 für Sir John Harpur gebaut, Architekt unbekannt. Die Hauptfassade mit Eingang wurde als einzige mit Quadersteinen gestaltet, schön schick und symmetrisch für die Besucher! Anders als die anderen Ansichten. Hier gibt es weder Schmuck noch wurde es mit der Symmetrie so genau genommen.

Einzig die Pilaster (oberflächlich angedeutete Säulen ohne Tragfunktion) eigenwilliger ionischer Ordnung wiederholen sich auf jeder Seite. 

Eine Aufnahme eines Gemäldes im Breakfast Room. Calke Abbey’s Südseite mit der Außentreppe in den 1740er Jahren. Entworfen von James Gibbs etwa 15 Jahre zuvor.

Zwischendurch wurde die besucherfreundliche Südseite mit einer Außentreppe bis hinauf in den Salon in der ersten Etage aufgelockert. Jetzt fehlte nur noch die standesgemäße Auffahrt zum Haus. Da die Schokoladenseite des Hauses für Sir John nicht optimal nach Osten ausgerichtet war, musste er seine Landschaftsplanung bis vor die Haustür umdisponieren. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts musste die Außentreppe weichen, als die Südfassade mit dem griechisch anmutenden (Greek Revival) Portikus aufgepeppt wurde.

Mehr Symmetrie ist in diesem Haus nicht zu finden, ein Gebäudeflügel sitzt sogar schräg. Hauptsache, für die Gäste, und es sollten nicht viele werden, sah das Haus standesgemäß imposant aus. Der Ostflügel, die Seite mit der hübschesten Aussicht, wurde im 19. Jahrhundert mit einem langen Balkon ergänzt. Früher einmal blickte man von da auf einen formellen Garten.

Generationen von Erben der Familie Harpur, später Harpur-Crewe, wurden ab dem frühen 19. Jahrhundert zunehmend schrulliger. Sie waren sehr wohlhabend, waren gesellschaftlich aber nie besonders bedeutsam gewesen und haben sich nicht weiter im öffentlichen Leben oder in der Politik engagiert. Außer des Amtes des „High Sheriff“, das mit dem Gut weiter vererbt wurde, lebten die Herren sehr zurückgezogen und verließen ihr Anwesen nur selten. Das soziale Leben in der Stadt [London] interessierte sie alle nicht so sehr wie die Jagd und Sammelleidenschaft. Selbstgewählte Einsamkeit.

Der letzte Baron Sir Vauncey Harpur-Crewe (1846-1924) übertrumpfte in Sachen Schrulligkeiten selbst seine komischen Ahnen.  Er ging sogar soweit, dass er mit seinen Kindern im selben Haus per Brief kommunizierte, welche entweder per Diener oder per Post überbracht wurden. Er verbot seinen Töchtern zu heiraten, nur eine hielt sich daran. Diese wurde allerdings des Hauses verwiesen, weil er sie beim Rauchen erwischte; er hatte ein Rauchverbot für den gesamten Haushalt verhängt, aus panischer Angst vor Feuer. Einzig seinem Sohn Richard schien er mehr abgewinnen zu können, ihm finanzierte er wohlwollend seine modernen Interessen wie Reisen, Motorsport, Flugzeuge, Schiffe und Fotografie, hielt aber selbst vehement alles Moderne von Calke fern. Stattdessen frönte er der offenbar familienbedingten Schmetterlings- und Vogelsammelleidenschaft. Bis zu seinem Tod hatte er mehrere tausend ausgestopfte Exemplare im ganzen Haus verteilt. Leider überlebte Richard seinen Vater nicht, somit blieb der Einzug der Moderne in Calke Abbey aus. Damit ging der Besitz an Sir Vaunceys älteste Tochter Hilda und ihren Ehegatten. Sie veräußerten einen Großteil der gesammelten Vögel und die wertvollsten Bücher, um die Erbschaftsteuern bezahlen zu können. Man stelle sich vor: Verstaubte ausgestopfte Vögel sind in der Lage Steuerschulden zu begleichen…

   

           Der Salon links und das Schlafzimmer von Sir Vauncey Harpur-Crewe, letzteres wurde genau so 1985 vorgefunden. (Aufnahmen aus dem Guidebook, National Trust)

Während des 2. Weltkrieges hatte auch Calke seine Aufgabe als Unterkunft für evakuierte Kinder und später auch für Soldaten. Jedoch war der Mangel an Elektrizität selbst noch zu Hildas Zeiten möglicherweise der Grund, weshalb die Armee es nicht für sich eingenommen hatte. Als Hilda 1949 verstarb, ging das Haus an ihren Neffen Charles, dem Sohn ihrer jüngsten Schwester. Charles hatte aber nicht nur das Anwesen geerbt, sondern auch das eigenartige Gehabe seiner Vorfahren. Er wählte für sich unverheiratet, schüchtern und allein zu bleiben, er war insgesamt schrulliger als alle anderen zuvor! Calke Abbey war absolut unzugänglich für Außenstehende. Charles starb 1981 recht plötzlich und hinterließ keinen Erben.

Das, was Calke Abbey so besonders und für den National Trust so interessant macht, ist sein Zustand. Es ist, als wäre niemals etwas aussortiert worden. Das klingt nach einem „Messie“-Haus, bietet aber einen Hausstand, der kein Historikerherz unberührt lässt. Zum Glück hatten sämtliche Generationen der Familie Harpur-Crewe eine ungebremste Sammelleidenschaft, welche von Antiquitäten bis hin zu Vogeleiern reichte. Alles bisweilen Uninteressante wanderte vielleicht auf den Dachboden, in die Tiefen der Schränke und in unbenutzte Räume, die einfach abgeschlossen wurden. Ein gern genanntes Beispiel ist ein Prunkbett aus dem frühen 18. Jahrhundert, welches noch immer in seiner Transportkiste ruhte. Wahrscheinlich war Calke so klein und unbedeutend, dass Königs nicht in den Genuss des Prunkbettes zu kommen für notwendig erachteten. Diese Unberührtheit führte dazu, dass selbst die Bettvorhänge aus feinster bestickter chinesischer Seide selbst 300 Jahre später noch in ihrem originalen Glanz strahlen können. Ein Glück für den National Trust!

Das Haus hingegen ist seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert sich selbst überlassen worden. Der National Trust hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Haus zwar notdürftig zu reparieren, aber nicht massiv in seinen Zustand einzugreifen. Die Zeitschichten des Hauses und „die  zerbrechliche Atmosphäre des stillen Verfalls“ (National Trust, übersetzt aus dem Englischen) sollen lediglich konserviert werden.

Gehen wir hinein.

                           

Der Besucher durchquert zunächst die Stallungen, diese sind auch zu besichtigen. Eine kleine Zeitreise. Alles steht noch so, wie es einst verlassen wurde. All die Funktionsräumlichkeiten, ob Sattelkammer oder Gartenhaus, sind verstaubt und noch gefüllt mit dem Krempel der Vergangenheit, vielleicht nur etwas museal drapiert.

               

Kutschen und Fuhrwerke, Löschwagen, Automobile, hier ließe sich ewig stöbern…!!  Der Besucher erreicht das Haupthaus erwartungsgemäß (natürlich) über den repräsentativen Eingang. Die Eingangshalle ist sehr niedrig, aber stilecht mit Jagdtrophäen ausgestattet. Die Jagdleidenschaft der ehemaligen Bewohner sticht sofort heraus. Während wir durch die Eingangshalle schlendern, könnte jeden Moment ein livrierter Diener aus der Nebenkammer kommen, der uns Mantel und Hut abnähme.

Bevor man sich die zum Schreiten einladende Eichentreppe in die Hauptetage hinaufbegibt, lohnt sich ein Abstecher in den „Caricature Room“. Dieser ist förmlich tapeziert mit illustren und frivolen Karikaturen aus dem 18. Jahrhundert. Mit Fug und Recht lässt sich über die Harpurs sagen, dass sie zum Lachen in den Keller gingen… Die anderen Räume im Erdgeschoss waren den Bediensteten vorbehalten.

Selbstverständlich gibt es oben in der Belle Étage (hier das erster Obergeschoss) alle Räumlichkeiten, die in einem klassizistischem country house zu erwarten sind: Salon, Frühstückszimmer, Esszimmer, Wohnsalon, Bibliothek, Schlafgemächer und Boudoirs, etc. (Leider waren die meisten Räume der Bediensteten auf allen Etagen zum Zeitpunkt meines Besuchs nicht zugänglich.)

Der „Drawing Room“, Aufnahme aus dem Guidebook, National Trust.

Die Einrichtung ist klassisch Englisch, mit Mobiliar aus allen Epochen, viel Rosenchintz,  zeitweise prunkvoll, aber immer bodenständig, und auf gemütliche Weise schäbig und abgewohnt. Landadel eben. Nicht zu vergessen die allgegenwärtige Dekoration durch Sammelsurien und Vögel. Über und über mit Schaukästen und Glashauben voll gestellt, ein Staubfänger neben dem anderen. Müsste ich dort Staubwischen, würde ich einen Vogel kriegen, naja, oder gleich mehrere tausend…

Calke Abbey verströmt einen morbiden Charme. Wo das gesellige Upstairs-Leben hätte einst stattfinden sollen, bröckelt nun der Putz von den Wänden, fehlen ganze Tapetenbahnen, blättert Farbe von Holzpaneelen und Fensterläden, und sind die robusten Teppiche abgelaufen. Wir erinnern uns: Der National Trust restauriert hier nicht, er repariert. Etwa in diesem Zustand war das Haus viele Jahrzehnte lang und genauso wird es erhalten!

Das Interessante ist, dass Calke Abbey an jene Zeiten erinnert, in denen es den country houses wirtschaftlich nicht mehr gut ging. Es ist also nicht zu vergleichen mit Häusern, die detailgetreu restauriert wurden und werden, um sie für die Nachwelt bestmöglich zu erhalten. Eine absolute Ausnahmeerscheinung.

Als Besucher fühlt man sich seltsamerweise nicht so sehr willkommen, wie es dem imposanten Haupteingang seinerzeit zur Aufgabe gemacht wurde. Der Besucher drängt in ein privates Refugium ein, in welchem die Bewohner über Generationen sehr zurückgezogen lebten. Scheinbar waren sie nie wirklich auf Besuch vorbereitet…

Liebe Leser, wie stellt Ihr Euch ein perfektes zu besichtigendes Haus vor? Perfekt restauriert und/oder mit musealem Charakter? Oder doch lieber ein bisschen schäbig, abgewohnt wie Calke Abbey, mit deutlichen Spuren der Besitzer? Tudelu.

Seht im Folgenden noch ein paar Eindrücke aus dem spätsommerlichen Garten von Calke Abbey:

    

Die Orangerie von Calke Abbey 
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7 Gedanken zu “Virtueller Besuch in England, heute: Calke Abbey

  1. Wieder einmal sehr fein – danke liebe Kate. Besonders gefallen hat mir das Bild mit den ganzen kleinen gestapelten Pflanztöpfchen 🙂 und die Orangerie mit dem Pflanzenausschnitt. Wow – und der Garten. Zum Verlieben. LG Sonja

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    1. Liebe Sonja, in der Tat, wer hätte nicht auch gerne mal solche Garten(t)räume zur Verfügung?! Eine eigene Orangerie wäre mein Traum! Die in Calke ist so schön klein, aber außergewöhnlich schön! Reicht doch. Und so einen potting shed, also den braucht doch wirklich jeder, nicht wahr!?! Der Garten ist für country house – Verhältnisse echt klein, aber dafür sehr schön angelegt. Herzlichst, Kate.

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  2. Danke, liebe Kate! Eine besondere Vorstellung von und für Calke Abbey. Wie gern würde ich mich dort durch die Schränke wühlen.
    Ich habe heute den letzten Teil von „Victoria“ Staffel 1 angeschaut. Dazu jetzt noch als Sahnehäubchen deinen Bericht zu lesen gefiel mir sehr.
    Liebe Grüße Ingrid

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    1. Liebe Ingrid, eine Safari durch die Schränke und Dachböden von Calke Abbey wäre wahrhaftig sehr spannend! Aber bestimmt auch gut besucht/ bewacht von mehrbeinigen Zeitgenossen. Schüttel… Aber ich wäre auf jeden Fall dabei! Victoria, eine interessante Serie, ich warte auch schon auf die Fortsetzung! Sei herzlich gegrüßt, Kate.

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  3. Eine ganz wunderbare Beschreibung, vielen Dank liebe Kate! Mir selbst ist ein nicht totrenoviertes Haus zur Besichtgung lieber,
    da ich gerne die Persönlichkeiten der Besitzer erahnen möchte. A propos Schrullig: wir müssen gar nicht so weit reisen, auch meine Großmutter väterlicherseits „kommunizierte“ mit ihren im Haus lebenden Schwestern zeitweise
    nur über handgeschriebene Zettelchen. Das ersparte wahrscheinlich so manchen heißen Konflikt.
    Nach deinem Bericht (Foto von den Tontöpfen) hab ich für meine unaufgeräumten Gartenecken viel mehr Verständnis! Mit herzlichen Grüßen Andrea von der Pinselburg

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    1. Liebe Andrea, man kann es sich nur schwer vorstellen, mit seinen Mitbewohnern nur schriftlich zu kommunizieren. So gerne ich Briefe schreibe, aber das ist doch wirklich schrullig, nicht wahr!?! Ich stimme Dir zu, ich ziehe imperfekte Gebäude jedem detailgetreu restaurierten Haus vor. Mir ist es wichtig, die Geschichte eines Gebäudes und seiner Bewohner nachempfinden zu können. Jedes Möbelstück mit Macke erzählt doch etwas anderes!
      Und was Deine Gartenecken angeht, Du siehst ja, es kann wirklich Charme haben, wenn überall der Krempel herumliegt!!
      Herzlichst, Kate.

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